Inselzauber

Donnerstag, 5. Juni 2014

Wo bitte ist hier der Ausgang?

Vor einiger Zeit habe ich eine Reportage über eine Frau gesehen, die in den Mitvierzigern ist und zwischen Erziehung der eigenen Kinder und den alternden Eltern steht.
Zum Zeitpunkt der Ausstrahlung dachte ich noch, dass mir die Frau echt leid tut und ich so jeden Punkt verstehen konnte, der sie an ihre Grenzen gebracht hat.

Tja, und jetzt habe ich das Gefühl ich stehe selbst dort.

Dass ich mich täglich in dem Versuch befinde meine Kinder auf den Weg zu bringen, das wisst Ihr. Seit mehr als 3 Monaten kommt nun mein Vater dazu. Sehr fit und sehr rüstig - nicht das ich hier einen falschen Eindruck vermittele. Aber auch sehr sehr dominant und sehr eigensinnig. Anfangs war es der schmerzhafte Abschied von dem "Lebenswerk Haus" dass er mir anvertraut hat, dann ging es mit den aktiven Arbeiten rund um den Umzug weiter.

Vielleicht kurz zum Verständnis:

Meine Eltern haben sich, endlich nach einer Jahrzentelangen Odysee für alle Beteiligten, vor 2 Jahren scheiden lassen. Das war gut und richtig so.
Mein Vater ist, als Jurist, einen gewissen Ton von Berufswegen gewohnt. Meine Mutter hat es immer noch geschafft eine Schippe oben drauf zu legen. als Lehrerin, mit dem Hang zur extrovertierten Selbstdarstellung, hat sie schon immer einen Raum beherrscht wenn sie in ihm war. Und wenn es mal nicht so geklappt hat wie sie das wollte, konnte/kann sie sehr theatralisch werden.

Nun ist das gemeinsame Haus in den Besitz meiner Mutter übergegangen. Trotz einer kaputten Hüfte und einigen anderen Gebrechen ist sie überzeugt davon, dass sie ca. 200 m² alleine stemmen kann.
Ihre Sache - klar. Meine Familie und ich haben den Kontakt schon länger einschlafen lassen und sind nicht in der Lage ihn wieder aufzunehmen. 

Mein Vater hat sich in den Kopf gesetzt, dass er, mit 68 Jahren und auch einigen Gebrechen, den Umzug mit seinem Smart und uns stemmen kann.
Mein Mann und ich haben Stunden zwischen totaler Wut und hysterischem Lachen zugebracht, als mein Vater uns sagte, dass er seinen Gefrierschrank von 1,85 Höhe, plant stehend auf dem Fahhradanhänger des Smart umzuziehen.
Gelacht haben mein Mann und ich erst als wir uns vorgestellt haben, wie der Smart auf dem Rücken liegt, weil ihn ein Gefrierschrank nieder gestreckt hat. Und das ist nur eine der Kuriositäten die passieren.

Weiter im Kontext:
Trotz vielen Bitten ein Umzugsunternehmen zu beauftragen, sind wir mit allem abgeschmettert. Mein Vater ist in der Generation groß gezogen worden, in der man sein Geld so zusammen gehalten hat, dass es mittlerweile zu einer Art Manie geworden ist.
Nur zu Erinnerung: Er hat gerade seinen Anteil an einem Haus bekommen und die 500 Euro für einen studentischen Umzugsdienst waren ihm zu viel Geld.

Wir haben dann meinen Vater gebeten ,dass wir schon vor seinem 4-wöchigen Urlaub im April etwas umziehen können.
Wir haben ihm auch gesagt, dass nach seiner Rückkehr soviel zu tun ist für die Schule (sowohl bei mir als auch bei den Großen), dass wir dann nur noch sehr begrenzt einsetzbar sind.

Tja, und das "sehr begrenzt", das entscheidet mein Vater!!!

Ständig gibt es etwas Neues zu tun. Dunstabzugshaube montieren, Reparaturen im Bad, Klingel kaputt, Einrichten des SatTVs, Einrichten des neuen Telefonanschlusses, Umziehen in Etappen, Schränke neu ordnen und und und......

Mein alter Mann geht auf dem Zahnfleisch, ich kann nicht lernen für meine unzähligen Klausuren weil die Kinder Zeit brauchen und sonst viel Mist anstellen. Die Planung, dass mein Mann mir die Kinder abnimmt, damit ich lernen kann, die können wir in den Wind schießen.

Ständig stelle ich mir die Frage was meine Aufgabe im Generationenvertrag ist?
Wie weit muss meine Hilfe gehen?
Übergehe ich wieder meinen eigenen Stopp-Punkt?
Mittlerweile sehe ich aus wie Braunbier mit Spucke und bin stark erkältet.

So lange wollte ich das schon aufschreiben um zu fragen ob Ihr das kennt. Immer wieder habe ich mich gefragt ob ich das darf, denn als gute Tochter muss ich doch bereit sein zu helfen und das auszuhalten. Immer wieder versuchen wir uns zu sagen, dass es doch nur eine begrenzte Zeit ist und wir doch auch stolz sein können, dass mein Vater uns so vertraut.

Ich schaffe es jedoch körperlich und geistig nicht mehr und habe das Gefühl dass mein Vater mein Nein nur noch versteht wenn ich einen Streit vom Zaun breche und ihn anschreie.

Habt Ihr Ideen?

Namaste Kirsten

Kommentare:

Sandra WiWi your best friend hat gesagt…

Ach, liebe Kirsten, meine Eltern sind in einem ähnlichen Alter und ich hatte vor ein paar Jahren plötzlich diese Erkenntnis, dass ich nun einiges an Verantwortung übernehmen muss. Am Anfang hat es meine Kräfte und meine Nerven sehr beansprucht und ich fühlte mich oft an meine körperlichen sowie psychische Grenzen und gleichzeitig hatte ich da Gefühl, dass meine eigene kleine Familie darunter auch noch stark leiden musste. Mein Göttergatte hat dann irgendwann die Handbremse gezogen und meinen Eltern deutlich gemacht, dass er so nicht weiterleben kann. Sie seien dich noch fit genug, vieles selber zu erledigen, auch wenn es evtl mühseliger ist wie es in den jüngeren Jahren war. das hat alles ein wenig erleichtert. Ich hoffe nur, dass meine Eltern jetzt noch lange körperlich und auch geistig recht fit bleiben... Ich wünsche dir alles Liebe
glg
Sandra

die_marie hat gesagt…

Ideen? Nein!
Mein Vater war nicht nur mit meiner Mutter verheiratet sondern auch und zu allererst mit der Firma, in der er gelernt und dann über 60 Jahre gearbeitet hat. Meine Mutter hat ihr Leben damit verbracht auf ihn zu warten...und wir Kinder wurden immer wieder angehalten uns doch *mal* um die Mutti zu kümmern. Jedes Jahr aufs Neue sagte er, nächsten ersten Januar würde er endlich seinen Ruhestand genießen...tja...was soll ich sagen...er ist mit 76 Jahren an multiplem Organversagen gestorben nachdem er 3 Tage zuvor sozusagen aus der Firma ins KH kam. Meine Mutter folgte ihm 4 Monate später...Ich habe alles immer noch nicht komplett ver- und aufgearbeitet und dabei ist das schon 4 Jahre her. Und ja, ich für meinen Teil habe verstanden, dass ich viel viel früher schon hätte *dazwischen hauen* müssen. Es wäre meine Pflicht gewesen gegenüber meinen Eltern, meinen Kindern und vor allem gegenüber mir selber!!!
Liebe Kirsten, ich wünsche Dir Kraft und Liebe zu Dir selber!!!

Anonym hat gesagt…

wünsche Dir alles alles Gute,stecke in einer ähnlichen kriese.