Inselzauber

Montag, 22. Oktober 2012

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein ….

Meine Familie und ich haben Sylt im Jahr 2000 kennen gelernt. Ziemlich am Anfang ist uns die Kirche St. Severin in Keitum aufgefallen. Diese Kirche strahlte für uns etwas ganz Besonderes aus.
Alles andere als auffällig stand sie auf dem Hügel und doch haben wir eine Faszination gespürt. Auch als wir innen waren. Ein wunderschöner Altar, eine ganz besondere Orgel. Wir haben uns gleich geborgen gefühlt. Da wir nicht die typischen Kirchgänger waren, war das alles andere als üblich. Wir standen unserer Kirche ausgesprochen kritisch gegenüber.

Wir haben angefangen die Gottesdienste in St. Severin zu besuchen und waren wieder fasziniert. Wir erlebten Predigten die weltlich, kritisch, liebevoll, interessant und sehr nachhaltig waren. Wir haben uns Gedanken über das Gehörte gemacht und es hat Spaß gemacht.
Im Spaß haben wir dann bei einem Spaziergang gesagt: Wenn wir noch einmal Kinder bekommen, lassen wir die hier taufen.

2005 kamen unsere Zwillinge. Uns fehlte das gemeinsame Erlebnis der Geburt so sehr und es reifte der Gedanke in uns in Keitum anzurufen um zu fragen ob die tatsächlich unsere Kinder hier taufen würden.

Bereits am Telefon begegnete uns die Pastorin mit großer Herzlichkeit. Sie sagte sehr schnell “Ja, ich taufe ihre Kinder gerne”. Es begann ein reger Austausch. Neben dem Taufgottesdient habe ich mit ihr eine ganz heimliche Überraschung vorbereitet.
Da mein alter Mann mir unter der Geburt der Zwillinge das Leben gerettet hat, wollte ich ihm Danke sagen. Aber wie?

Wir hatten damals keine wirklichen Eheringe. Meine Oma hat mir in dieser Zeit den Ring meines verstorbenen Großvaters anvertraut und mir ebenso erlaubt diesen Ring noch einmal nachmachen zu lassen. Diese beiden Schätze sollten unsere Eheringe werden. Es war so spannend das alles heimlich vorzubereiten. Offiziell die Taufe und inoffiziell eine “neue Heirat” mit dem Ringtausch vor dem Altar vor dem unsere beiden Kleinen gerade getauft wurden.

Gut 1 Woche vor der Taufe sind wir angereist. Voller Aufregung haben wir uns aufgemacht zu dem persönlichen Taufgespräch. Mit offenen Armen sind wir von der Pastorin empfangen worden. Sie nahm sich Zeit. Wir erzählten ihr um die besondere Bedeutung dieser Taufe für uns alle. Unsere Kinder spielten im Garten und wir haben einfach nur erzählt. Viele Emotionen kamen hoch und wurden ganz sorgsam und achtsam behandelt. Es war so gut für uns.

Zwischenzeitlich schickten wir meinen Mann in den Garten zu den Kindern, besprachen schnell die heimlichen Details und schauten ganz unschuldig als er wieder rein kam.

In der Woche reisten dann unsere Gäste an. Die Familie war recht empört, warum wir eine Taufe so weit weg feiern wollten. Demnach kam auch nur eine ganz kleine Riege. Mein Vater, meine Cousine und meine Tante – und meine Oma (die die mir den Ring geschenkt hatte und in alles eingeweiht war).

Am Tag der Taufe, der 24.06.2005, hat die zauberhafte Pastorin St. Severin gesperrt. Kein Besucher durfte rein. Wir sollten alleine sein. Alleine mit unseren Kindern und unseren Gästen. Alleine mit unserem Wunsch nach Erinnerungen.

Es wurde der schönste und der persönlichste Gottesdient den wir je erlebt hatten. Ich hatte ihr erzählt dass ich mich beschützt fühle von “meinen Engeln” und dass ich diese Engel hier auf Sylt ganz arg spüre. Sie las vor:

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel.
Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein,
oft sind sie alt und hässlich und klein,
die Engel.
Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand,
die Engel.
Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,
oder er wohnt neben dir, Wand an Wand,
der Engel.
Dem Hungernden hat er das Brot gebracht,
der Engel.
Dem Kranken hat er das Bett gemacht,
und hört, wenn du ihn rufst, in der Nacht,
der Engel.
Er steht im Weg und er sagt: Nein,
der Engel.
Groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein –
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel.

Rudolf Otto Wiemer


Unsere Zwillinge waren 1 1/2 Jahre alt und haben die Taufe nicht verschlafen. Sie haben ganz still gehalten und beobachtet. “Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne”. Das war endlich unser Anfang als Großfamilie nach dem wir 18 Monate gesucht hatten.

Als die Taufe vorbei war und wir wieder alle saßen kam Musik gespielt. “Du – von Glashaus”.
“Dich zu beschreiben fehlen die Worte …..”
Mein Mann schaute ganz irritiert. Ich habe ihn dann mit an den Altar genommen. Nur wir zwei - zur Pastorin die auf uns wartete. Das Lied spielte ganz durch und uns kullerten die Tränen.
Pastorin Reimann sprach uns an. Sie sagte uns wunderschöne Worte und gab mir die Möglichkeit meinem Mann “Danke” zu sagen. Danke, dass er mir das Leben gerettet hat.
Wir wurden gesegnet und dann kam unsere Tochter mit einem Ringekissen und brachte uns die Eheringe. Auch dieser Moment war heilig und unendlich schön.

2010 hat sich unser Sohn in St. Severin einsegnen lassen. Damals saß ich neben Pastorin Reimann, deren Tochter auch zur Konfirmation ging. Die Kinder wurden von ihrem Mann eingesegnet.
Gestern haben wir erfahren, dass Pastorin Reimann im Januar diesen Jahres gestorben ist.
Mein Mann und ich sind fassungslos und unendlich traurig. Wir verneigen uns vor dieser einzigartigen Frau, die Kirche so ganz anders gelebt hat als wir es kannten. Lebendig, weltoffen, anpackend, zuhörend, warmherzig, respektvoll und nachhaltig.

Liebe Pastorin Reimann, 
wir möchten Ihnen danken. Danken für die Kraft die Sie uns gegeben haben. Danken für die Erinnerungen die sie geschenkt haben. Danke, dass wir Sie kennen lernen durften. Sie haben unser Leben so unendlich bereichert. Wir vermissen Sie.
Sie waren/sind einer unserer Engel!

Heute verneigen wir uns vor Ihnen

Namaste Kirsten und Hans

Kommentare:

Heike hat gesagt…

Das hast du wunderschön geschrieben . Deine Geschichte hat mich sehr berührt . Liebe Grüsse Heike

Christine hat gesagt…

Auch ich bin ganz gefangen von Deiner schönen Erzählung. Sie macht nachdenklich und gibt Hoffnung. Schön, dass es sowas gibt im Leben.

Christine

Sonja hat gesagt…

So, liebe Kirsten, nachdem ich nun meine Tränen getrocknet habe, kann ich Dir auch kommentieren ...

Das ist ja ein wunderschönes Erlebnis. Einzigartig. EUER wunderschönes, einzigartiges Erlebnis! Ich danke Dir (Euch), dass Du es uns hier erzählt hast! Eine zauberhafte Geschichte, die mich sehr berührt und mitgenommen hat (im Positiven!).
D A N K E !

Allerliebste Grüße an Dich und Deine Lieben,
Sonja

corazon hat gesagt…

Es ist wunderbar, wenn ein Ort auf dieser Welt eine solche Verbindung schafft und man diese Erinnerungen wie einen Schatz hüten darf.
Genies die Zeit an diesem magischen Ort und nimm ganz viel Kraft mit heim.

LG Petra